Musikalische Projekte mit jugendlichen Flüchtlingen

Dieser Artikel erschien in gekürzter Fassung in der Badischen Zeitung am 13. April 2016. Zum Artikel.

FREIBURG – BAD KROZINGEN. Sehnsuchtsvoll kehrt sich der Blick des Jungen nach innen, als er die Stimme erhebt. Obwohl er in einer fremden Sprache singt, trifft sein trauriges Lied mitten ins Herz. Nachdem es beendet ist, lächelt er schüchtern in die Runde. Nun ist der nächste dran. Dieser stimmt nach kurzer Überlegung eine schnelle Melodie an, die von den anderen sofort aufgegriffen wird. Und so geht es in der Gruppe ringsum, bis alle – einschließlich der begleitenden Lehrkräfte der Jugendmusikschule Südlicher Breisgau und der Musikhochschule Freiburg, die dieses Projekt unter der Leitung von Matthias Stich durchführen – an der Reihe waren.

Ein musikalisches Geben und Nehmen.

Die Stimmung ist ausgelassen in der Freiburger Schule Vianova, wo sich wöchentlich eine Gruppe aus jugendlichen Flüchtlingen, Migranten und Einheimischen zusammenfindet, um gemeinsam zu musizieren. Die zirka Sechzehn- bis Achtzehnjährigen entstammen einer Gruppe unbegleiteter Minderjähriger, die erst vor wenigen Monaten nach Deutschland kamen. Seitdem sind sie in Münstertal untergebracht und werden hier (in Kooperation mit der WIESE Kinder- und Jugendhilfe) unterrichtet.

Musik ist eine universelle Sprache.

Die Idee zu diesem Projekt stammt von Joachim Baar, dem Leiter der Jugendmusikschule Südlicher Breisgau. Neben Lehrkräften aus der eigenen Einrichtung fragte er auch junge Studierende der Musikhochschule Freiburg an, um möglichst verschiedene Ansätze zu einem offenen Projekt zusammenzufügen, das durch das Bundesförderprogramm „Kultur-macht-stark!“ finanziert wird. „Je nach Herkunft der Teilnehmer gibt es unterschiedliche pädagogische Konzepte, die dem kulturellen und musikalischen Hintergrund der Teilnehmer gerecht werden“, begründet Joachim Baar sein Vorgehen. „Es werden auch die Kenntnisse der Teilnehmer aus ihrer eigenen Musiktradition und -kultur miteinbezogen, gegebenenfalls sogar mit ihren Instrumenten aus der Heimat. Dabei folgen wir der Leitidee ›Musik ist eine universelle Sprache‹ und überwinden Sprachbarrieren, insbesondere bei Kindern, auf kulturellem-musikalischem Wege. Damit werden die Weichen für eine langfristige Integration gestellt.“ 

Speziell bei jugendlichen Flüchtlingen, die zudem häufig traumatisiert sind und aus vielen verschiedenen Ländern kommen, rechnete man im Vorfeld mit einiger Skepsis dieser Idee gegenüber – die sich jedoch schon in der ersten Stunde als völlig unberechtigt erwies. Natürlich wurde das Angebot nicht sofort von allen angenommen, beim ersten Treffen kamen zunächst nur drei. Zur Einstimmung studierte man gemeinsam ein serbisch-mazedonisches Lied ein. Angelockt von dem Gelächter und den Trommelrhythmen, die aus dem Raum nach außen drangen, fanden sich jedoch schon nach wenigen Minuten weitere Jugendliche ein. Gemeinsam stimmten nun alle, begleitet von Gitarre und Saxofon, eine Session an und improvisierten sich zusammen, bis die ersten Stimmen hinzukamen. Nun wollten die Jugendlichen auch Lieder aus ihrer Heimat vorstellen, was von allen mit großer Begeisterung aufgegriffen wurde. Und so geriet das Ganze mehr und mehr zu einem gegenseitigen Geben und Nehmen auf Augenhöhe.

Der Erfolg dieser ersten Stunde sprach sich offensichtlich herum, denn beim nächsten Treffen war die Teilnehmerzahl überwältigend. Überraschend ist diese Wirkung indes nicht. Denn häufig vergessen wir, dass die meisten Flüchtlinge in ihrer Heimat, bevor sie bei uns Schutz suchten, ein völlig normales Leben geführt hatten. Viele mussten sogar ihre Familie dort zurücklassen und stehen nun in der Fremde vor dem Nichts. Hier kann die Musik nicht nur Trost spenden, sie hilft auch die Kluft zwischen den Menschen und unterschiedlichen Kulturen zu überwinden. Und es funktioniert. Zumindest in dieser Stunde gemeinsamen Musizierens, zu der sie sich vorläufig einmal in der Woche zusammenfinden.

Auch in der „Arche“ in Bad Krozingen, einer an die Johann-Heinrich-von-Landeck-Schule angegliederten Einrichtung des Frauen- und Fachverbands der Kinder- und Jugendhilfe, herrschte reger Betrieb, als sich die (wiederum aus Jugendmusikschule und Musikhochschule vereinten) Lehrkräfte unter der Leitung von Peter Graef mit Flüchtlingskindern und teilweise auch deren Eltern trafen, um gemeinsam zu musizieren.

„Wenn Integration gelingen soll, dann müssen wir möglichst früh die Kinder der Asylbewerber erreichen“, ist Joachim Baar überzeugt. „Dies ist auch ein Signal an die Familien: Sie sind hier auch mit ihrem kulturellen Hintergrund willkommen. Sie können uns durch ihre Musikkultur bereichern und lernen im Gegenzug die unsrige kennen.“ Dies gelingt insofern besonders gut, da an diesem Projekt auch Kinder mit Migrationshintergrund und Einheimische teilnehmen. Integration geschieht hier wie von selbst. Zudem finden die Kinder und Jugendlichen hier musikalische Bildungsmöglichkeiten vor, die sie zuhause in den letzten Jahren unter bürgerkriegsartigen Umständen vermutlich nicht hatten.

Mit was kann man alles Musik machen?“, fragte Peter Graef hier in die Runde. Mit fast allem, sollte sich herausstellen – und das wurde denn auch mit „Hey Witchi Tai To“, einem indianischen Begrüßungslied, sogleich umgesetzt. Sei es mit Singen, Bodypercussion oder auch mit den Cajatons (Sitztrommeln), auch hier wurden einige Kinder, die sich zunächst eher scheu im Hintergrund hielten, von der Begeisterung der anderen regelrecht angesteckt und beteiligten sich mit leuchtenden Augen an den Liedern und Rhythmen aus aller Welt.

Bildlegende

  1. Die Stimmung ist ausgelassen in der Freiburger Schule Vianova, wo sich wöchentlich eine Gruppe aus jugendlichen Flüchtlingen und Einheimischen zusammenfindet, um gemeinsam zu musizieren.

  2. Integration geschieht hier wie von selbst: Flüchtlingskinder, Kinder mit Migrationshintergrund und Einheimische musizieren gemeinsam.

(Foto: Friederike Zimmermann)

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